ap oliveWill man dieses Land mit allen Sinnen erleben, muss dringend auch eine besondere Lektüre in den Koffer: Apulien erlesen. Das Band hat ein schönes, handliches Format, wofür man dafür überall, im Koffer, wie in der Jackentasche, einen Platz findet. Ich habe es in meinem roten Koffer hinein gelegt, der mich seit meiner ersten Reise nach Deutschland durch mein Leben begleitet. Es sind viele Autoren genannt, bekannte und auch weniger bekannte. Manche fehlen. Wie z.Beispiel Raffaele Nigro. Das ist sehr schade, aber: dadurch kann ich selbst euch von diesem wichtigen apulischen Autor erzählen (der Genauigkeit halber muss gesagt werden, dass er in Lukanien geboren wurde, gewirkt und gelebt hat er in Apulien).  Von den im Band vorgestellten Autoren kennt ihr vielleicht den einen oder anderen.Vielleicht kennt ihr bereits die eine oder andere Erzählung, das eine oder andere Gedicht. Ingeborg Bachmann, z.B., die österreichische Lyrikerin. Sie ist bekannt. Ja, aber wer kennt schon ihr Gedicht “In Apulien”? Dass sie in besonderer weise sich zu Italien hingezogen fühlte, viele Jahre in Rom verbrachte, das erinnert man vielleicht noch aus der Schulzeit, als Ingeborg Bachmanns Lyrik für die Gymnasiasten im Nachkriegsdeutschland ein “must” war. Über dieses Gedicht “In Apulien” bin ich selbst auch erst während meines Studiums zufällig gestolpert. Als Studentin der Filmwissenschaften in Köln haben mich einige ethnologische Filme stark beeindruckt. Darunter der Film von Gianfranco Mingozzi “La Taranta”, der sich auf die Recherchen des Anthropologen Ernesto de Martino berief. Dieser hatte in Jahrzehnte lange Arbeit die kulturellen Riten und magischen Rituale des Süden Italiens erforscht und ihre tiefe menschliche Dimension offen gelegt. Ich war Mitte zwanzig, Tochter von Gastarbeitern aus Apulien und das was ich im Film sah, fühlte ich, kannte ich. Mit Wucht wühlte er mich auf.  Obwohl keine der Frauen meiner Familie von einer “Tarantel” gebissen worden war, wusste ich von dieser existentiellen seelischen Not, die im Film angesprochen wurde, weil ich sie im Antlitz nicht weniger Frauen gesehen hatte. IMG_5156 pizz neroIch kannte die Ohnmacht mancher Frauenleben und das Fallen in Ohnmacht, wenn der seelische Druck unerträglich wurde. Schreien, um sich schlagen, sich auf den Boden werfen, den Kopf hin und her werfen, bis zur Erschöpfung, das hatte ich schon mal gesehen. Das Musik dazu gespielt wurde, konnte ich nicht erinnern. Vielleicht vergessen. Vielleicht auch nicht erlebt. Ich lebte ja seit 1961 nicht mehr in Apulien. Jeden Sommer ging es zwar in die Heimat, aber kaum angekommen, war es wieder Zeit Abschied zu nehmen. So kam es mir vor. Die Tränen flossen und das Zirpen der Grillen in der Mittagshitze klang wirklich wie das monotone Schluchzen der Familienangehörigen. Mit dem Studium begann ich mich mit meinen ursprünglichen kulturellen Wurzeln bewusst auseinander zu setzen. Ich stieß auf Ingeborg Bachmanns Gedichte zu Italien. Und ich liebte sie, weil sie für meine stumme Sehnsucht nach diesem Land, was meine verlorene Heimat war, Worte fand. Auch den roten Mohn Apuliens hatte sie in ihrem Gedicht fest gehalten. Den aus meiner Kindheit, als meine Mutter mir das Kinderlied “i papaveri son alti alti e tu sei piccolina (der Mohn ist ganz schön groß und du bist ganz klein)” vorsang, während sie unter den Olivenbäumen den Mohn pflückte. Bald sollten wir auswandern und irgendwann entschwand der Mohn aus meinem Gedächtnis, wie viele andere Dinge. Im Frühjahr fuhr man nicht nach Hause. Nur im Sommer während der Schulferien. Ich wusste nicht mehr, wie schön mein Land im Frühjahr aussah.Ich kannte nur den trockenen Sommer, mit den monoton zirpenden Grillen. 

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Die Schönheit meiner Heimat Apulien hat ein anderer Deutscher grandios beschrieben: Ferdinand von Gregorovius in “Wanderjahre in Italien”. Einen Auszug findet man auch in diesem Band. Zu den deutschen Erzähler gesellen sich die apulischen, die entweder bereits mit ihren Werken übersetzt sind, wie der zeitgenössische, erfolgreiche Schriftsteller Gianrico Carofiglio oder die in Deutschland unbekannten, aber interessanten Erzähler/innen Franco Arminio, Antonella Lattanzi und Alessandro Leogrande, deren Texte explizit für die Publikation übersetzt wurden. Auch fehlen nicht Texte der großen Literaten, wie Pier Paolo Pasolini und Carlo Levi, die ein besonderes Augenmerk auf den Süden hatten und als “Meridionalisten” gelten.  Weitere Texte sind von Mario Soldati, Giancarlo Liviano D’Arcangelo und Luisa Ruggio. Mit 20 verschiedenen Blicken auf Apulien könnte es euch so ergehen, wie Ingeborg Bachmann in Bezug zu Italien:

“In Italien könnte ich sagen, bin ich froher geworden, hier habe ich gelernt, Gebrauch von meinen Augen zu machen, habe schauen gelernt. In Italien esse ich gern gehe ich gerne über eine Strasse sehe ich gerne Menschen an…Aber nach einer vieljährigen Bekanntschaft mit einem Land reicht das natürlich nicht aus, um einen festzuhalten, und immer wichtiger als sich wohl fühlen wird das Mitfühlen und das Mitdenken mit dem was hier gespielt und bewegt wird, in der Politik, in der Literatur, im Film”.

Willkommen in Apulien!