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Ein Paar hat in den 30er Jahren in Alberobello geheiratet, das Brautpaar, das man auf dem Foto ein Augenblick lang sucht, nicht sofort erkennt, weil man feierliche Kleidung erwartet, kommt die Hauptstraße von Rione Monti hoch gelaufen, nachdem es wahrscheinlich bereits getraut worden ist. Der Kirchturm von Santa Lucia ist im Hintergrund noch zu sehen. Die Kirche wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jhd errichet. Das Mädchen auf der linken Seite des Fotos hat einen Kahlschnitt erleiden müssen, wahrscheinlich wegen der “pulci”, diese Micro-Stech-Viecher, ah! ja! Läuse genannt! Und weg sind die Haare samt Viecher! Die Armut war im wahrsten Sinne des Wortes zum Erbarmen. Man lebte nicht nur mit sämtlichen Familienmitgliedern, 7-12- oder 15 zusammen, auch die Haustiere und die kargen Vorräte fanden im Trullo ihren Platz. Und – klar – auch die Läuse.  Alles in 15 qm plus Dachboden. Woher ich das weiß? Ich habe es selbst noch erlebt, wie meine Mutter meinen Kopf zwischen ihren Knien klemmte, und die Haare nach Läuse absuchte. Das war so zeitintensiv, dass sie eines Tages die Haare kurzerhand, ritsch-ratsch, abschnitt. Dabei weinte sie. Ach! die schönen Haare. Aber als Erntehelferin konnte sie nicht darauf Rücksicht nehmen. Ach! sie wachsen ja wieder, tröstete sie sich selbst und auch mich, und ritsch-ratsch verpasste sie mir einen kahlen Kopf, genau so einen, wie das des Mädchens auf dem Foto. Ich weiß nicht mehr, wie ich mich dabei gefühlt habe.Aber zurück zum Trullo: hatte man außer einem Trullo, zwei ineinander übergehende Kuppelbauten, war man bereits besser gestellt. Also war man stolzer Besitzer von zwei Trulli. Desto besser man finanziell da stand, desto mehr Kuppeln konnte man anbauen, meistens nach hinten. So beginnt die Geschichte der spontanen Architektur. Konnte man es sich leisten, baute man, so wie es möglich war. Auf dem Foto erkennt man dass die Randbebauung komplettiert ist, aber die Strasse von Rione Monti in den 1930er Jahren noch nicht befestigt ist. Solange es keine Kanalisation gab, holterdipolterte ein Karren mit einem Bottich, die Straße hoch, an den Trulli vorbei und jeder entledigte sich seines stinkenden Zeugs, das in “Cantri”, Gefäße aus Terracotta, über Nacht aufbewahrt wurde und erst am Morgen in den Bottich hinein, aber auch, unbeabsichtigt, daneben lanziert wurde. Das war andernorts auch nicht viel anders. In Matera war es weit bis in die 50er Jahre auch so. Die gackernden Hühner und die verdreckte Rinne im Bild erzeugen in meinem Gehirn eine Ahnung von Gerüchen, die dort in der Luft gelegen haben müssen. Heute ist Alberobello schnieke, picobello. Nichts stinkt. Alles hübsch und sauber. Der Dreck wird weit weg gefahren, zu Müllvernichtungsanlagen. Aber: manche Bürger erdreisten sich vielerorts sich des Mülsl in Plastiktüten,  am Straßenrand der Autobahn,  entlang fremder Felder oder einsamer Küstenlinien, zu entledigen. So nach dem Motto: sieht doch keiner. Sie verschandeln unsere zauberhafte Landschaft und merken es nicht einmal.

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Eine andere Form von Dreck, das allerdings nicht stinkt und unsere Einkaufsstraßen, Theken, und Landschaften verschandelt, ist die viele Plastik! Als ich mich über den maßlosen Gebrauch der Plastikdinger echauffierte, maßregelte mich eine Frau, die  im linken Spektrum der italienischen Parteilandschaft zu Hause ist. Seien Sie doch froh, sagte sie, da ist ein ganzer Industriezweig, der das alles recycelt. Wird denn der Plastik-Müll dadurch weniger? fragte ich. Sie schaute mich verständnislos an. Sie meinte, dass Dank des Plastik-Mülls eine neue Branche und damit  neue Arbeitsplätze entstanden seien, die das Land dringend bräuchte. Was soll man dagegen anführen, wenn alle nur noch vom Wachstum träumen?Dass wir in einem Albtraum erwachen werden?  In Alberobello setzt sich zum Glück viel Kunsthandwerk durch, mit vielen traditionellen Erzeugnissen der Klöppler  und Weber. Feine Spitzendeckchen und feste Leinentücher werden in vielen Trulli liebevoll hergestellt und feil geboten.

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Schön ist es, über die Dächer von Alberobello zu schauen! Aus der Vogelperspektive ist das Grau der steinernen Schuppen, die die Kuppel vor Regen und Wind schützt, reich an Schattierungen. Diese Kuppelbauten hießen früher im salentinischen Dialekt einfach nur “casedde”, kleine Häuser. Deswegen musste man wahrscheinlich irgendwann für diese “casedde” einen italienischen Namen finden. Mit dem Faschismus wurden diese Bauten in “Trulli” umgetauft. Andere Bezeichnungen sind truddhu, ruddo, turri, furnieddhu, furnu, pajaru, chipuru, calvari, lamie. Dialekte sind einzigartig und kaum übersetzbar, ohne dass etwas vom Reichtum der Anspielungen verloren geht.

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In meiner Kindheit ging man zur “casedda”, damit meinte man: zur Feldarbeit. Wie es dazu kam, dass nur im Gebiet des Valle d´Itria diese bäuerlichen Bauten entstanden, vereinzelt inmitten eines Ackers, oder  mehrere zwei, drei um einen “chiazzile”, eine Art Dreschplatz, weiß man nicht wirklich, es gibt dazu verschiedene Spekulationen. Steinbauten dieser Art gibt es auch in anderen Mittelmeerländer, wie z.B. in Syrien, im Sudan. Wie es zur Entstehung von Alberobello kam, der “Hauptstadt” der Trulli,  weiß man heute recht genau. Steuerhinterziehung. Der Herzog von Conversano, Gian Girolamo il Guercio, auch “der Schieler genannt”, ließ hier Menschen ansiedeln, mit der Auflage, dass nur Trulli erbaut werden durften. Damit entzog sich der Herzog der Besteuerung, denn jede neue Ansiedlung musste vom König bewilligt werden.Der Herzog, ein brutaler und kunstsinniger Mensch zugleich, hatte sich zeitlebens mit dem spanischen Hof angelegt, der im 17.Jhd Jahrhundert über Süditalien herrschte. Schlau, wie ein Fuchs, hat der Herzog die Bauweise des Trullo für seine Zwecke ausgenutzt: Zieht man die Abschlusssteine der Kuppel heraus, implodiert die Kuppel und der Steinbau bricht  in sich zusammen. Nichts als ein Steinhaufen bleibt übrig von der schönen Kuppel. Aber: ich meine, auch gelesen zu haben, dass diese bäuerlichen Unterkünfte gar nicht besteuert wurden, weil sie sehr klein waren, ohne Fenster, den Landarbeitern als Geräteschuppen im Sommer dienten, und  als Unterschlupf bei Wolkenbrüchen. Als Siedlung nicht existent zu sein, hatte für die Bürgerschaft von Alberobello aber etliche Nachteile. So kam es im 18. Jhd, im Zuge der Kämpfe in ganz Europa um zivile Rechte,  dass eine Delegation von Bürgern,  König Ferdinand, um die Anerkennung der Siedlung, ersuchte. So kam es, dass Alberobello unter dem besonderen Schutz des Königs gestellt wurde und die Trulli nun mit Mörtel errichtet werden durften.

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