Mit den Econauten besuche ich im Juli 2015 einen Gutshof, die Masseria Masciullo. Fabio und Maria Rita Zullo empfangen uns und erzählen, wie es dazu kam, dass sie den Hof  mit finanzieller Unterstützung der Familie kaufen konnten. IMG_9621 masseria masciulli aussenIMG_9641 masseria fabio

Fabio ist Agronom und noch während seines Studiums konnte er seinen Vater davon überzeugen, dass die Zukunft Apuliens in einer verantwortungsbewußten Landwirtschaft liegt,  in der Schaffung und Führung von Biohöfen, im direkten Austausch mit den Verbrauchern. Der Vater Luciano war zwar als alter Bauer, von Traditionen geprägt, skeptisch, aber Fabio gelang es, ihn mit vernünftigen Argumenten zu überzeugen. Im Jahr 1996 erwarben sie zusammen einen alten, heruntergekommenen Hof in der Nähe von Mesagne, bei Brinsisi.

Der älteste Teil des Hofes stammt aus dem 16.Jhd. Hier wohnte der Gutsherr und die Familien, die die Arbeit auf den Äckern und im Hof  verrichteten. Im Laufe des 17.Jhd wurde der Hof erweitert. Die frisch sanierte, herrschaftliche, Fassade zeugt davon. Wie zu jedem apulischen Gutshof vergangener Zeiten gehört eine Kapelle dazu. Und es gibt viele Geschichten zu erzählen, aus der Zeit der italienischen Nationalbildung, zu den Kämpfen, die darum geführt wurden.

Als Fabio und die Familie 1996 den Hof erwarben, war er in einem miserablen Zustand, rund herum, von Müllhalden geziert. Es brauchte Jahre, um die Felder  zu renaturieren.Eine Riesenarbeit. Bis heute kann Fabio und seine junge Familie nicht hier auf dem Hof wohnen, da die oberen Räume des Hofes noch restauriert werden müssen.

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IMG_9717 bimba geraetZurzeit sind dort alte Werkzeuge untergebracht und neugierigen Fragen dazu, werden geduldig beantwortet. Die Patina der bröckelnden Farbe an den Wänden  erzeugt eine besondere Stimmung, wir stehen und reden, stellen uns das Leben dort vor, vor 300 Jahren.

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Dann geht es wieder herunter, zum Innenhof, und von dort aus suchen wir  die Arbeitsräume des Hofes auf, die fertig saniert, für die Verarbeitung der eigenen Erzeugnisse genutzt werden. So z.B die Gewölbe, die als Weinkeller dienen.IMG_20150705_125607 agronomo IMG_20150705_124603 volte

Wir erfahren allerhand über die Rebsorten, die hier angebaut sind, die Eigenschaften des Weines, und wie er gekeltert wird. Um den Biosiegel zu erhalten, sind sehr viele Vorschriften einzuhalten. Für Fabio als Agronom ist das selbstverständlich. Es ist zwar alles mit sehr viel bürokratischem Aufwand verbunden, aber er findet es in vielerlei Hinsicht sinnvoll. Zum Schutze des Verbrauchers.

 

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Die Gespräche gehen unter alten Eichen weiter, wo wir uns zusammen finden, zum Mittag essen. Wir reden über  Politik. Über Deutschland und die neue italienische Regierung. Wie die Terroranschläge einzuschätzen sind,  und warum so viele junge Apulier das Land verlassen. Ich, eine zur Nachkriegsgeneration gehörende Tochter von Migranten, halte das Weggehen für einen Fehler. Aber das hat sicher damit zu tun, dass ich ein besonderes Verhältnis zur Sprache habe. Ich bin aufgewachsen zu einer Zeit, wo das Sprachvermögen, oder -unvermögen, über dein weiteres Leben entschied: entweder warst du drin, oder draußen, gehörtest du dazu, oder nicht. Zur deutschen Gesellschaft. Zur italienischen Gesellschaft. War ich damals in der deutschen Volksschule das einzige Gastarbeiterkind, ist es heute eher so, dass die Grundschulklassen, zum Beispiel in Berlin Kreuzberg, mehrheitlich aus zugewanderten Kindern bestehen. Man fühlt sich heute nicht so ausgeliefert in der Fremde. Aber: wer schafft es bis zum Gymnasium, bis zur Universität?”Mobilität” ist das Wort, das mit dem Ende des kalten Krieges unser Leben bestimmt. Vom Norden zieht man in den Süden, und umgekehrt, und häufig sogar vom Süden weiter in den Süden, nach Westen oder Osten. Was macht das mit unserem “Sprachvermögen? Spielt Sprache keine so große Rolle mehr? Doch, doch. Die Sprache ist das Haus in dem wir wohnen. Der junge Engländer unter uns, der sich in eine apulische Frau verliebt hat, und hier leben möchte, weiß was ich meine. Sprichst du nicht gut die Landessprache, darfst du von Pontius zu Pilatus irren, bis sich irgendwann, irgendjemand erbarmt und dir die korrekte Informationen gibt. Europa, du schöner Traum! Wir wollen dich nicht aufgeben. Aber wir wollen auch nicht als Halbanalphabeten in diesem Hause wohnen!

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Die vielen, kleinen Leckerbissen haben uns gesättigt,  ohne die typische Mittagsschwere hervorzurufen. Bevor wir aufbrechen, sind wir uns einig, ein zurück zu den alten Grenzen und Abschottungen der Nationalstaaten kann es nicht mehr geben. Wir wollen weiter, nach vorn!

Wir wollen die reifen Früchte ernten, und mit nach Hause nehmen. Fabio, mit Frau und Tochter, zeigen uns den Weg durch ihre Felder

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Die Blüten der Artischocken begeistern uns, die Felder sind zum großen Teil abgeerntet,wir atmen die gute Luft und sind guter Dinge.

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Wir freuen uns über den schönen Tag, den wir gemeinsam schnatternd verbringen. Wir berauschen uns an den saftigen und duftenden Früchten. Füllen  unsere Eimer, damit auch die, die zu Hause geblieben sind, sich an den Köstlichkeiten erfreuen können. Auch hier, im Süden, wo die Sonne die Früchte verwöhnt, ist es leider so, dass in den Supermärkten fade Früchte, wässrige Tomaten,  und Gemüse, arm an Geschmack, angeboten werden. Die große Agrarwirtschaft setzt sich auf den großen Märkten durch.

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Bevor sich unsere Wege wieder trennen, statten wir dem Gemüseladen von Fabio einen Besuch ab, wir nutzen die Gelegenheit und füllen unsere Taschen mit frischem Gemüse und Eier von glücklichen Hühnern. Man kann all diesem  “ben di Dio”,  (diesen Gottesgaben) nicht widerstehen und wir lassen uns gern von Adams Güter verführen.  Auf ein nächstes Mal Fabio! Wir kommen sicher wieder. Bringen Menschen mit, die unser Land besuchen, damit auch sie teilhaben, an unserem Reichtum.

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