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Als ich vor einigen Jahren mit meinen Recherchen zur Literaturlandschaft in Apulien begann, hatte die Region Apulien endlich beschlossen  für die Schönheit des Landes die Werbetrommel zu rühren und Besucher auf die einzigartigen Bauten, die das Land zieren, neugierig zu machen: die Trulli im Tal Valle d´Itria. Diese sah ich plötzlich eines Morgens auf den Werbeflächen der U-Bahnstationen in Berlin mir entgegen strahlen. Und mein Herz machte einen Sprung, in meiner Vorstellung sah ich mich zu Hause. Es war das erste Mal, dass Apulien mir in Berlin so nahe kam. Aber noch heute, vier Jahre später, kommt es vor, dass ich gefragt  werde “wo liegt Apulien”.  Also möchte ich ein wenig dazu beitragen, Apulien, das Land, in dem ich in den 50er des letzten Jahrhunderts geboren wurde, nach dessen Olivenhainen in tiefroter Erde ich mich immer wieder sehne, uns deutschsprechenden Europäer näher zu bringen.

Ich möchte euch von der apulischen Landschaft, den Menschen und ihren Geschichten erzählen. Für diejenigen, die immer noch nicht wissen, wo Apulien liegt, eine kurze Beschreibung: 

Apulien, im Volksmund als Absatz des italienischen Stiefels bezeichnet, wird von zwei Meeren umspült, das adriatische und das jonische Meer, hat die längste Küstenlinie Italiens, mit kilometerlangen weißen Sandstränden, sanften Dünen und abenteuerlichen Klippen. Alle paar Kilometer ändert sich die Landschaft, von der Küste zum Inland, Richtung Westen, steigt ein Hochplateau, bis zum Appenin, dem Bergrücken, der Mitten durch Italien geht, auf 500 Meter. Gebirgig ist es nur im nördlichen Teil Apuliens, in der Gegend des Sporns, des Gargano. Die daunischen Berge, Monti Dauni, sind ca 1100 m hoch. Zum Süden hin flacht es terrassenartig ab, bis zum südlichsten Cap des Salento, Ristola, bei Santa Maria de Leuca, auf 102 m. Vom Gargano aus, einmal herum um die Landzunge, sind es 800 Km und man kommt durch viele alte Fischerorte und Hafenstädte. Wer das Meer liebt, kann sich an der Küste entlang radelnd vom Rauschen des Meeres berauschen lassen.

In den 60er und 70er Jahren hatten vor allem Historiker, Soziologen und Archäologen das Land für sich entdeckt, denn es lockte als Heimat Friedrichs II. von Hohenstaufen, der geliebt und gehasst das Staunen der Welt, »stupor mundi«, genannt wurde. Hinterlassen hat dieser umstrittene Kaiser herausragende Bauten wie Castel del Monte und die Kathedrale in Altamura. Bis heute nähren sie Lügen und Legenden um die umstrittene Persönlichkeit des Kaisers und König. Der Ethnologe Ernesto de Martino hatte wiederum im Nachkriegsitalien das Phänomen des Tarantismus unter die Lupe genommen, eine in Apulien von Legenden umrankte seelische Erkrankung von vorwiegend Frauen, die in einer religiösen Tanztrance Erlösung suchten. 

Die Region galt in den 80er Jahren als arm und rückständig. Der Tourismus entwickelte sich tatsächlich im Vergleich zu anderen italienischen Regionen langsam. Ich selbst habe zum ersten mal meine Region 1981 mit deutschen Freunden erkundet. Bis dahin waren die Reisen nach Apulien meinen Eltern geschuldet, die in den 60er Jahren nach Deutschland ausgewandert waren. Alljährlich zu den Schulferien machten wir uns auf, um die zurück gebliebenen Familienangehörigen zu Hause zu besuchen. Apulien schrumpfte zu einigen Orten in mitten des Landes, des Itria Tals. Großeltern, Tanten und  Kusinen lebten alle  in maximal 20 Km Entfernung, im Herzen Apuliens. Sie alle zu besuchen war Pflicht.Schön anstrengend, war das. Aber eben auch heimelig. Mit meinem deutschen Freund schließlich konnte ich als junge Frau mehr von meinem Land sehen. Wir sind den italienischen Stiefel mit dem Motorrad quer Beet herunter gefahren und haben dann viele Orte und Landstriche des Absatzes ausgekundschaftet. Es waren wenige Touristen unterwegs. Es war Spätsommer, warm und die Küste wie ausgestorben. Die Ferienhäuser der Einheimischen waren verlassen und als wir in Santa Maria de Leuca am Spätabend ankamen, wussten wir nicht, wo wir übernachten sollten.Kein Hotel weit und breit, das uns hätte aufnehmen können. Auf unserer Reise hatten wir schnell heraus gefunden, dass man erstens eine Bar aufsuchen, einen Espresso trinken und ins Gespräch kommen musste. So haben wir es auch “am Ende der Welt” getan, in der einzigen offenen Bar an der Küste danach gefragt, wo wir übernachten könnten. Und tatsächlich  begleitete man uns zu einer alten Frau, die schwarz gekleidet, zurückhaltend und freundlich uns ein Zimmer zeigte. Das Zimmer war karg eingerichtet, von einer gleißenden Glühlampe grell beleuchtet, mit einem alten Ehebett und großen Kleiderschrank. Der Schrank ist mir auch deswegen in Erinnerung geblieben, weil wir schnell merkten, dass sich dahinter eine Unmenge Mücken versteckten. Sobald wir das Licht ausschalteten, ging das Gesurre und das Gesteche los. Wir haben kein Auge schließen können und haben die Nacht damit verbracht, mit einer Zeitung die Mücken zu jagen und zu klatschen, bis wir mit Erschrecken fest stellten, dass die weiße Wand  uns nun rot gefleckt anstarrte. Was würde unsere schwarz gekleidete Witwe dazu sagen? Mir war es peinlich und wir diskutierten den Rest der Nacht, was man machen könne, um den Schaden zu beheben. Das ist nun alles lange her und die Region hat sich mächtig verändert.

Heute verzaubert die Region durch die gut restaurierten historischen Städte, denen man die verschiedenen geschichtlichen Einflüsse durch Eroberer und Kolonisatoren wie Griechen, Römer, Goten,  Langobarden, Normannen, Aragonesen  und spanische Bourbonen ansieht. Erstaunen erregen die einzigartigen archaischen, bäuerlichen kegelförmigen Steinbauten, eben die Trulli. Die heutige Bezeichnung für diesen Bau “Trullo” geht auf den griechischen Begriff “Tolos” zurück, “Kuppel”. In meiner Kindheit hieß der Trullo einfach “casedda”, kleines Haus. Ein Trullo ist ein regelrechter Kuppelbau durch eine zweite Schicht flacher Steine geschützt, so dass das Dach von außen wie eine elegant, straff gestrickte Zipfelmütze aussieht. Die einst verlassenen “Masserien”, historische, herrschaftliche Landhäuser und Gutshöfe, in der Zeit um die Einigung Italiens, Mitte bis Ende des 19. Jhd, Zeugen blutiger Kämpfe, zwischen Briganten und  königlichen Truppen, sowohl der Monarchie des Nordens wie des Südens, sind heute zu reizvollen Ferienunterkünften umfunktioniert worden. Aufsehen erregen auch die archäologischen Ausgrabungen, wie beispielsweise bei Egnatia, Foca antica oder Canosa, die Höhlenkrypten von Lama D´Antico und die Grotten von Gravina und Massafra. Aber als Literaturlandschaft stand Apulien noch Jahrzehnte lang im Schatten anderer Regionen.

Das hat sich seit einigen Jahren auch verändert. An der Sichtbarkeit der Literatur in Apulien haben Literaturfestivals, einschlägige Vereine und junge Verlage beigetragen. Der Verein und Internetportal  ‘Puglialibre’ hat sich die Förderung und Verbreitung der apulischen und von Apulien handelnden Literatur auf die Fahne geschrieben. Die ‘nouvelle Vague’ der italienischen Literatur, so von einigen Literaturkritiker begeistert apostrophiert, tritt um die Jahrtausendwende auf die Bühne und kommt vor allem aus dem Salento, dem südlichsten Teil Apuliens, mit den Großstädten Lecce, Taranto, Gallipoli und Otranto. Die Namen der jungen Autoren: Mario Desiati, Cosimo Argentina, Carlo D´Amicis, Omar di Monopoli, Vito Bruno, Flavia Piccinni, Christina Zagaria und viele andere. Nur wenige aber schaffen es international bekannt zu werden. Das hat mit den Verlagen zu tun. Alle Wege führen (leider) nach Rom. Auch die Verlage sitzen in Rom und den Großstädten des Nordens Turin, Mailand, Bologna. In Apulien entsteht zwar 1901 auch ein Verlag, Casa editrice  Laterza&figli, allerdings auf anraten des Philosophen und Humanisten Benedetto Croce, mit dem Schwerpunkt europäische Geschichte, Philosophie und Sachbücher. So verpasst der Verlag bis zu Beginn des neuen Jahrtausend die Zeichen des neuen literarischen Aufbruchs zu erkennen und zu unterstützen. 

Aus der Basilicata, an der westlichen Grenze zu Apulien, historisch betrachtet ein Teil von Apulien, kommt Raffaele Nigro, die graue Eminenz der apulischen Literatur. Berühmt sind seine historischen Romane, wie ‘Die Baroness im Weidenkorb’ und ‘Die Feuer am Basento’. Letzteres, eine abenteuerliche Familiensaga, zeigt eine Affinität zu ‘Hundert Jahre Einsamkeit’ von Gabriel Garcia Marquez. Auf diesen Roman spielt auch eine von ‘Puglialibre’ ins Leben gerufene gleichnamige Literaturreihe an: “cent´anni di solitudine”. Stefano Savella, Direktor und Initiator des Internetsportals ist auch Mitarbeiter von Giovanni Turi, Herausgeber der Anthologie ‘Meridione d´inchiostro’.

Der Star ist eindeutig heute der Schriftsteller, ehemaliger Staatsanwalt und Parlamentarier Gianrico Carofiglio, Schöpfer der Figur des Avvocato Guido Guerrieri. Sein Roman ‘Eine Nacht in Bari’ dient mir als roter Faden zur Erkundung der Stadt Bari. Genauso lese ich Textpassagen aus dem Roman ‘Zementfasern’ von Mario Desiati, dessen Hauptfiguren aus dem Basso Salento, dem ärmsten Teil  des Salento, stammen und deren Leben von der massenhaften Auswanderung in den  70er Jahren schicksalhaft gezeichnet wird.

In Tarent lebt der Arbeiter-Schriftsteller und Autor von ‘Vivere e morire all’Ilva di Taranto’ Giuse Alemanno. Sein Arbeiterleben bei ILVA, dem metallverarbeitenden Giganten Europas, viermal größer als die Hafenstadt Tarent, an deren Rand sie sich wie ein Krebsgeschwür ausgebreitet hat,  gibt Zünd-Stoff für seine Gedichte und sozialkritische Prosa. Diese riesige Industrieanlage ILVA und wie sie die Einwohner Tarents geiselt, sie gesundheitlich beschädigt ist Gegenstand des Romans “Veleno” der Schriftstellerin Cristina Zagaria. Interessant sind die Romane von Cristina Zagaria, weil sie sozial virulente Themen aufgreift und in Romanform reflektiert. Im deutschen Buchhandel ist erschienen “Sommer des Schweigens”, das die Autorin gemeinsam mit dem Opfer, Anna Maria Scarfó, geschrieben hat. Der Untertitel gibt Aufschluss, von was es handelt: “Ich war in der Gewalt dreier Männer, und ein ganzes Dorf sah zu”.  

In Lecce, die Stadt des apulischen Barocks, ist für mich der Besuch der ältesten Typographie der Stadt ein muss. Der alte Herr, der  kaum mehr auf Kundschaft wartet zeigt gerne alte Plakate und erklärt geduldig die Drucktechniken. Bis heute ist es mir nicht gelungen die jungen Verleger von “caratterimobili” kennen zu lernen. Aber auch die verlegerischen Nischen gehören unbedingt zur Literaturlandschaft unserer Region dazu, wie die vielen Höhlen und Grotten unserer karstigen Landschaft.

Auch Kaiser Friedrich II.  ist als Schriftsteller zu nennen, dessen Tod Friedrich Schiller als Beginn der „kaiserlosen, der schrecklichen Zeit“ bezeichnete. Zu erwähnen sind die Meridionalisten wie Tommaso Fiore und Benedetto Croce, die sich für ein föderales Italien stark machten.  Und wer kennt nicht Carlo Levi, der zwar aus Turin stammt aber mit seinem Tagebuch “Cristus kam nur bis Eboli” auf die Missstände im Süden aufmerksam machte. Über die Landesgrenzen bekannt wurde er auch durch Francesco Rosis  gleichnamigen  Film, aus den 70er Jahren.

Und schließlich gebührt unbedingt auch Gabriella Genisi, Schriftstellerin und Organisatorin des erfolgreichen Literaturfestivals Il libro possibile’ Aufmerksamkeit. Sie ist die einzig mir bekannte Kriminalautorin, die es auch geschafft hat international bekannt zu werden. Sie wird häufig in einem Atemzug mit Andrea Camilleri genannt, dem Kriminalautor aus Sizilien, dessen Kommissar Montalbano Furore macht. Die Hauptfigur von Gabriella Genisi ist die schöne “Lolita Lobosco”, eine Kommissarin, die ihre Mitarbeiter im Griff hat und mit weiblicher Sensibilität die kompliziertesten Verbrechen in ihrer Stadt aufklärt.

Es gibt viele weitere Schriftsteller/innen, die genannt werden müssten, ich habe mich darauf beschränkt, diejenigen zu erwähnen, die zumindest mit einem Buch auf dem deutschen Markt vertreten sind.

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