Als eine Katze mit ihrem Miauen dem Zauber der Stille ein Ende setzte, IMG_8437 contadinasuchten wir Jemand, der uns hätte Auskunft geben können über diesen Ort. Ein sonderbares Häuschen belehrte uns darüber, dass mit Träumen pfleglich umzugehen ist. Aus dem dazu gehörenden Postkasten quillten Bücher hervor. Wem war es vergönnt das Traumhäuschen zu betreten, die Bücher an sich zu nehmen? 

IMG_8397 bineIMG_8399 bineIMG_8388 casettaIMG_8393Nach ein paar weiteren Schritten erblickten wir einen Mann, der unter einer Laube dabei war, Gemüse zu putzen und den wir bis dahin zwischen den Bäumen und Hecken gar nicht wahr genommen hatten. “Agriturismo Sante Le Muse” lasen wir, und ” Direktverkauf von Landerzeugnissen”. Es sei ein landwirtschaftlicher Familienbetrieb, ihm und seiner Familie sei es wichtig an die Magie der Natur  zu erinnern, die uns ernährt, uns gesund hält, uns auch die Lust am Leben schenkt, wenn wir pfleglich mit ihr umgehen. Das erzählte uns das Familienoberhaupt. Er lud uns ein, uns umzuschauen, seine Tochter würde auch bald kommen und uns mehr erzählen, denn ihr hätte er viel zu verdanken. Sie habe in Rom studiert und sei dann zurück gekommen, um den gemeinsamen Traum mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zu unterfüttern. Er misstraue zwar der Wissenschaft, aber  der Tochter vertraue er. Neugierig waren wir auf den Namen des Betriebs “Sante Le Muse – Heilig Die Musen” und das kleine Häuschen, dessen Dimensionen an ein Puppenhaus erinnerten. Aber das Familienoberhaupt war wieder so mit seinem Gemüse beschäftigt, dass ich den Gedanken fallen ließ, nachzufragen. Die Tochter würde ja sicher bald auftauchen. Wir schlenderten durch den Garten, erfreuten uns am Ort und an den vielen Dingen, die es zu sehen gab. Es roch nach trockener Erde,Tomaten, süßlichem Oleander, erfrischendem Rosmarin, intensivem Lavendel und Vieles andere, was wir nicht herausschnuppern konnten.Der Duft des Gartens war betörend und beglückend.   

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An einer Häuserwand entdeckten wir ein Gedicht von Bodini, ein salentinischer Schriftsteller und Dichter, Jahrgang 1914, der sein Lieben und Leiden an seiner Heimat, dem Salento, in vielen wunderbaren Gedichten gefasst hat. Vittorio Bodini gehörte der futuristischen Bewegung an, hat sehr lange in Spanien gelebt, bedeutende spanische Werke ins Italienische übersetzt.  Er konnte sich nie ganz von seiner Heimat trennen. Und wenn er fern von ihr war, schrieb er von ihr, wie von einer kapriziösen Geliebten, die ihm immer nur die kalte Schulter zeigte. In vielen Gedichten hat er sowohl die einzigartige landschaftliche Schönheit des Salento besungen, wie  auch seine rückständige Provinzialität. Das Land verweigerte ihm jahrzehntelang Anerkennung für seine literarische und poetische Arbeit. Eine Zeile aus einem Gedicht, das die ambivalenten Gefühle Bodinis zum Salento gut beschreiben und jüngst auch vertont wurde, ist folgende: “Hier wollte ich nicht sterben, hier wo ich leben muss, o Heimat, so unangenehm, dass ich dich lieben muss, hier wollte ich nie sterben, o Heimat.”  Einen Bodini habe ich immer in meinem Reisekoffer.Ich kenne sehr gut diesen Schmerz, nicht dort leben zu können, wo man vermeintlich hingehört, nicht mehr geliebt zu werden, weil man anders geworden ist. Die Zeilen hingegen, die hier an der weißen Hauswand zu lesen sind, beschreiben ein Phänomen, das das gleißende Licht allein des Südens bewirkt: “Du kennst nicht den Süden, seine Häuser mit Löschkalk getüncht, aus denen wir heraustraten an die Sonne, wie Zahlen aus  einer Seite eines  Würfels.”

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Wir gingen weiter, an Gebäuden entlang, von deren Fassaden Bilder und Gedichte  zu uns sprachen  und was wir lasen gefiel uns……” Die Welt ist dein und du gehörst der Welt”…..”Das ist meine Erde, die zwischen meinen Händen, wie durch eine Sanduhr,  langsam rieselt”. Dichter wurden hier mit ihren nachdenklichen und zeitlosen Empfindungen zitiert, in schwarzer Schrift auf Weiß blendendem Hintergrund. Alle Häuser sind auch hier weiß gekälkt. Sie inspirieren die vorbei Gehenden, weil Liebe Liebe schafft. Und schließlich kam sie, am großen Schachspiel vorbei, die junge Frau, die diesen magischen Ort zu verantworten hat. Wir setzten uns ins kühle Haus, unter einem Segelgewölbe und unterhielten uns, über ihre Arbeit, ihre Projekte, die Kraft, die man braucht, um der Magie Ausdruck zu verleihen. Und woher der Name “Sante Le Muse” stammt, wollte ich nun wissen. Darauf gab es keine eindeutige Antwort. Sie hat jedenfalls den Namen nicht erfunden, sagt sie. Den gab es von Anbeginn an, ein historischer Name, für ein Stück Land, das sie nun seit Jahren bestellen. Aber es passt, wie maßgeschneidert zu ihrer persönlichen Philosophie. Sie verarbeiten  alles selbst und bieten Köstlichkeiten aus der eigenen Küche. Damit verwöhnen sie ihre Gäste. Und natürlich ist das Häuschen für die Kleinen gedacht, wohin sie sich zum Spielen zurückziehen können. Als Agriturismo machen sie den Schulen didaktische Angebote, damit die Kinder, die hierher kommen, die Schönheit und Einzigartigkeit der Natur mit allen Sinnen erfahren. Sie lernen über die gute Nahrung, die guten Dinge, die guten Gedanken,  das gute Tun zu wertschätzen.Hier lernen Kinder kreativ zu sein, Fehler als Anregung anzusehen, um etwas neues Gutes zu erschaffen. Aber auch die Erwachsenen kommen nicht zu kurz. Viele Veranstaltungen locken die Menschen hier aufs Land, um an kleinen Ausstellungen, Lesungen, Gespräche, Musik, Workshops etc…teil zu nehmen und vor allem: mit einem exzellentem Essen des Hauses zu beschließen. 

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