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Es kommt nicht häufig vor, dass man einem Kavalier alter Schule begegnet. Freundlich und zuvorkommend half unser österreichischer “cavaliere” sowohl den Damen wie den Herren aus dem Bus. Er ließ es sich einfach nicht nehmen und sprang immer behände als aller erster raus aus dem Gefährt, wie ein junges Fohlen. Dafür musste ich allerdings selbst eiligst meinen Sitzplatz verlassen, schnell aus dem Bus springen,  um den Auftritt des Kavaliers nicht zu vermasseln. Und das wollte ich wirklich nicht. Und so manche Dame war ja auch für die Hilfestellung  ganz dankbar. 

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Der charmante Herr ist vom Fach, er hatte selbst ein Busunternehmen. Freundlich zu sein kostet doch nichts, meint er. Und er hat verdammt recht. Sogar unsere Gesichtsmuskeln danken es uns, wenn wir entspannt und freundlich sind. Das Lächeln kostet unseren Muskeln weniger Kraft, als das stets grimmige Gucken. Aber meistens wissen es ja die Betroffenen nicht mal, dass sie grimmig gucken.  Aber Lach-Joga soll da helfen, das meist unbewusste Gepräge wieder los zu werden. Mittlerweile bieten Reiseveranstalter auch Reiseprogramme an, die das Erlernen von Entspannungstechniken wie Yoga, Qi Gong, Muskelentspannung nach Jakobsen etc,  integriert haben. Unser Chef Carlo hat auch eine Entspannungstechnik auf seinem Plan. Sie ist allerdings eine alt hergebrachte dionysische Technik: eine Weinverkostung. Bei Upal, eine Wein-Genossenschaft bei Cisternino, deren Mitglieder Wein in der Gegend von Locorotondo anbauen,  gibt es eine “Wein-Tankstelle”, womit man auch zu Hause für Urlaubsstimmung sorgen kann. Das freut vor allem die ausgesprochen guten Weinkenner, denn der Weißwein aus Locorotondo mundet  wie der einheimische Veltliner. Die Mitarbeiterin von Upal reicht  zum Wein auch “pane, olio d´oliva extra vergine e pomodoro”, Brot, natives Olivenöl und Tomate, damit  die verschiedenen Weine nicht auf den Magen schlagen. In Italien trinkt man Wein traditionsgemäß nur zum Essen. Oder bei einem Kartenspiel, das nur Männer spielen, wo es darum geht, zu wetten und die Mitspieler betrunken zu machen. Bei einem solchen Spiel hat der eine oder andere Mann im Suff auch seine Frau verspielt. Bis in den 80er Jahren war dieses Kartenspiel sehr beliebt. Ob es auch heute noch so ist, vermag ich nicht zu sagen. Mein Onkel, ein bekannter Straßenpolizist in seiner Heimat Grottaglie, konnte viele dieser Geschichten erzählen. Er und seine Geschichten fehlen mir heute. Weiß der Himmel auf welchen Planeten er jetzt weilt und welche Geister er mit amüsanten oder tragischen  Alltagsgeschichten aus unserem Süden bespaßt.

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In den folgenden Tagen gab es wieder etwas weniger Kulinarisches, dafür mehr “cibo per la mente”, Nahrung für den Geist. Monopoli, zum Beispiel, ward vor allem für unseren Fotografen ein gefundenes Fressen.Seit einigen Jahren findet dort ein Fotofestival statt. 20161006_123615 fotograph

Einige Arbeiten waren noch am Hafen zu sehen, großformatige Portraits in schwarz weiß hingen im öffentlichen Raum. Unser Fotograf erklärte Mitreisenden gestenreich, wie ein wirklich waschechter Süditaliener, das Besondere an diesen Fotoarbeiten. Ich stand zu weit weg, um dem Gespräch zu folgen. Die  Männerköpfe sind jedenfalls sehr beeindruckend.
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Wer weiß, vielleicht sehe ich in den nächsten Jahren während des Fotofestivals PHEST auch Fotos des österreichischen Fotographen, die er auf seiner Apulienreise geschossen hat.


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Alle kamen auf ihre Kosten, das Meer war blau so blau und die Stimmung heiter. Sie nahm zu, als ich die Geschichte erzählte wie das Bildnis der Madonna Madia, das heute in der Kathedrale von Monopoli zu sehen ist, über das Meer den Weg nach Monopoli fand. Der Madonna Madia verdanken die Monopolitaner  nämlich die Fertigstellung ihrer Kirche, denn es fehlten seit Jahrhunderten 33 Balken, die nun, Madonna sei Dank, über Nacht, in Form eines Flosses, an die Küste gespült und zum Bau des Dachstuhls der Kirche eingesetzt wurden. Soviel zur Legende. Wie es sich wirklich zugetragen hat, darüber streiten die Historiker. Und da die Historie auch keine exakte Wissenschaft ist, werden wir auch nicht Partei ergreifen, nicht für die eine Version, die davon ausgeht, dass das Bildnis aus einer byzantinischen, griechisch orthodoxen Kirche gestohlen wurde, oder die zweite Version, dass das Bildnis der Madonna Madia in den Jahren des Ikonografieverbotes in Bysanz ins Meer geworfen wurde und auf diese Weise die monopolitanische Küste erreichte.

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Die Monopolitaner können jedenfalls stolz sein auf ihre Kathedrale, denn mit den kunstvollen polychromen Marmorintarsien, den barocken Säulenverzierungen und den vielen Gemälden, ist sie sicher ein Attraktor für Gläubige wie Kunstinteressierte. Für das angespülte kleine Bildnis der Madonna der Madia  wurde eine kleine, aber prunkvolle Kappelle über dem Altar, auf einer begehbaren Empore, gebaut. Ein Besuch lohnt auf jeden Fall.

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Monopoli  strahlt einen ganz eigenwilligen Charme aus,  gerade auch weil 
sie nicht von Touristen überlaufen ist und die Bewohner ihre Hauptstraße (noch) nicht zu einer Shopping-mall umgestaltet haben. Hoffentlich bleibt es so!